Kaum ein Verkehrsmittel hat eine derartige Berühmtheit erlangt wie der Orient-Express. Ins Leben gerufen wurde dieser für komfortable Fernreisen ausgelegte Luxuszug im Jahr 1883 von der Compagnie Internationale des Wagons-Lits. Damit wurde zu jener Zeit der Traum einer Eisenbahnverbindung zwischen Europa und Asien Wirklichkeit.

Vater des Projekts war ein belgischer Ingenieur namens Georges Nagelmackers, der den Komfort transatlantischer
Schiffsreisen mit den Vorteilen von Schlafwagenzügen kombinieren wollte, wie sie in den USA auf Langdistanzen zum Einsatz kamen.

Mit diesem Ziel vor Augen gründete Nagelmackers 1876 die Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL). Mit Eröffnung der Zugverbindung Paris–Wien an Bord eines luxuriös ausgestatteten Schnellzugs nahm sein Traum sechs Jahre später konkrete Formen an.

Aufgrund des Erfolgs dieser Linie beschloss er, die Verbindung bis Konstantinopel zu verlängern, was bei den Reisenden, für die der Orient ein äußerst beliebtes Reiseziel war, auf große Freude stieß.

Am 5. Juni 1883 machte sich der erste Orient-Express vom Pariser Bahnhof Gare de Strasbourg (heute Gare de l’Est) auf die mehr als 3.000 Kilometer lange Strecke, für die er zwei Wochen benötigte.

Die Zugverbindung wurde zu einem riesigen Erfolg. Bereits 1885 wurde die Strecke zwischen Paris und Wien täglich befahren. Die CIWL gewann bis Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung, da sie mit ihren Luxuszügen immer mehr europäische Hauptstädte miteinander verband, was eine große öffentliche Neugier weckte. So diente der Zug beispielsweise als Inspiration für den Roman „Mord im Orient-Express“ der große britischen Schriftstellerin Agatha Christie.

Im Ersten Weltkrieg wurden die Verbindungen eingestellt. Deutschland und Österreich beschlagnahmten die Waggons, um eine eigene Schlafwagenlinie ins Leben zu rufen. Letztlich wurde in einem Speisewagen des Orient-Express sogar der Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet. Die Züge des Orient-Express waren außerdem Gegenstand des Versailler Vertrags von 1919.

Zwischen den beiden Weltkriegen erlebte der Orient-Express eine neue Blütezeit, was vor allem auch auf den Bau des Simplontunnels zurückzuführen war.

Durch dieses Bauwerk bestand nun eine direkte Tunnelverbindung zwischen der Schweiz und Italien. Vom Erfolg ihres Konzepts überzeugt, nahm die CIWL sogar eine Fährverbindung über den Ärmelkanal auf, um dadurch Paris mit London zu verbinden.

Der Zweite Weltkrieg komplizierte das internationale Reisen jedoch enorm. Wagen wurden beschlagnahmt, sabotiert oder bombardiert; die Verluste für den Orient-Express waren gravierend.

Doch nach Kriegsende nahm die CIWL ihre Tätigkeit nahezu vollständig wieder auf und erhielt sie bis zum Beginn des Kalten Krieges aufrecht. Allerdings zeigten sich die osteuropäischen Länder nur wenig begeistert darüber, dass die Strecken der Linie quer durch ihr Territorium führten, und legten die Barrieren für eine Einreise immerhöher, was zu erheblichen Verspätungen des Orient-Express führte.

Darüber hinaus startete der Ostblock eigene Zugverbindungen in Konkurrenz zur CIWL.

Ab den 1960er-Jahren wurden die Linien des Orient-Express allmählich durch klassische Eisenbahnlinien ersetzt, bis die CIWL Anfang der Siebziger ihren Dienst einstellte und die Waggons stattdessen an nationale Eisenbahngesellschaften vermietete.

In den folgenden Jahrzehnten starteten mehrere Initiativen, um den sagenumwobenen Zug wieder zum Rollen zu bringen – ohne Erfolg.

Seit 2011 hat die französische Staatsbahn SNCF sieben historische Waggons aufgekauft und renoviert. Im Jahr 2022 werden sie wieder auf die Schiene gebracht, um ihren Dienst im prächtigen Gewand von damals wieder aufzunehmen. Bis dahin helfen uns Ansichtskarten aus der damaligen Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen.

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Ein Kommentar

  1. Besonders spannend ist die Epoche um 1900 mit den aussen mit Teakholz verkleideten Wagen der CIWL. 1897 führte die Gotthardbahn ihre legendären blauen Luxuszüge ein, die als Tagreisezüge Komfort auf dem Niveau der CIWL-Nachtzüge boten und die zeitweise mit CIWL-Speisewagen ergänzt wurden, welche die legendären Verpflegungshalte in Göschenen ersetzten. Heute ist im ehemaligen Bahnhofbuffet 2. Kl. In Göschenen die IG-Gotthardbahn (www.ig-gotthardbahn.ch) eingemietet, welche Ausschnitte der Gotthardbahn um 1900, wie z.B. den Bahnhof Göschenen und die spektakuläre Brückenlanschaft beim alten Dazio-Zollhaus, mit nach historischen Grundlagen gebildeten, passenden Zügen auf einer Modulanlage zeigt. Diese ist an einzelnen Tagen im Jahr öffentlich zugänglich.