Um Sie umfassend über das Thema Münzkunde zu informieren, habe ich mich an Bruno Visentini gewandt. Bruno ist der Präsident der Fédération Française des Associations Numismatiques. Er war gerne bereit, meine Fragen zu beantworten und uns einige Einblicke in diese tolle Sammelleidenschaft zu geben.

Wie wählt man Ihrer Meinung nach ein numismatisches Schwerpunktthema aus?

Die Wahl fällt ganz von alleine. Am Anfang sammelt man häufig alles, was einem in die Hände gerät, und mit der Zeit begeistern uns bestimmte numismatische Themen mehr als andere. Dabei kann es sich um die Geschichte Napoleons oder einzelner Königshäuser handeln, oftmals finden sich aber auch enge Zusammenhänge zu unserer
Heimat. Nicht wenige Menschen sammeln Münzen, die in Städten wie Toulouse, Lyon, Bordeaux usw. geprägt wurden, da es in diesen Städten schon früh Münzprägen gab. Daneben gibt es auch viele, die die Sammlung ihres Vaters erbten und diese nun fortführen.

Was sammeln Sie persönlich?

Zuerst habe ich russische Münzen gesammelt – von der ersten „Tmutarakhan“, geprägt im Jahr 980, bis hin zu Münzen vor Peter I. So habe ich gleichzeitig auch viel über die russische Geschichte gelernt.

Danach sammelte ich französische Münzen (10 Cent, 20 Cent, 25 Cent, ¼ Franc, 50 Cent, ½ Franc), jedoch mit außerordentlich gutem Erhaltungsgrad (Stempelglanz MS 65 bis MS 70). Da die Reliefs sehr fein sind, lassen sich die kleinen Module nur schwer in Stempelglanz finden. Dank dieser Wahl habe ich die Qualität von Münzen zu schätzen gelernt. So folge ich dem Prinzip, lieber 30 Münzen in hoher Qualität in meiner Sammlung zu haben, als 500 in mittelmäßiger Qualität. Seit ich gewerblich tätig bin bin, sammle ich nicht mehr, denn immer wenn ich eine außergewöhnliche Münze finde, stehe ich vor der Frage, ob ich sie einem Kunden zugutekommen lassen oder selbst behalten soll. Aktuell arbeite ich an einer thematischen Sammlung für meine Tochter (Pferde) von der Anike bis heute.

Was sind für Sie die wichtigsten Hilfsmittel, um mit dem Sammeln zu beginnen?

Zu Beginn sollte man sich unbedingt darüber klar werden, was man sammeln möchte. Das wichtigste Hilfsmittel ist Geduld, aber man sollte sich auch ein paar Bücher zum Thema zulegen. Heute, in Zeiten der Digitalisierung, fällt der Start umso leichter, dennoch ziehe ich es vor, mich in Fachbücher zu vertiefen. Als ich angefangen habe, russische Münzen zu sammeln, erwarb ich eine stattliche Reihe an Büchern über die Geschichte Russlands im 18. und 19. Jahrhundert, denn sie vermitteln ein wahres Bild von der Geschichte des Landes in dieser Epoche. Gleichzeitig erhalten Sie so parallel zu einer ansehnlichen Münzsammlung auch eine ansehnliche Bibliothek.

Was die Bücher zur Numismatik anbelangt, so habe ich mich in erster Linie auf solche konzentriert, die schon unsere Vorfahren kannten, denn, obwohl sie Fehler enthalten oder unvollständig sind, so vermitteln sie doch viel mehr Einzelheiten, als es heute der Fall ist.

Welches sind die wichtigsten Einzelheiten auf einer Münze? Worauf gilt es zu achten?

Jedes Geldstück erzählt eine Geschichte, wobei ich mich allerdings auf die Münzen vor dem Euro beziehe. Es geht ganz einfach: Nehmen wir den Franc à Cheval, also den ersten französischen Franc. Diese Münze wurde 1360 ausgegeben, um das Lösegeld für König Johann II., den Guten (1350-1364), zu zahlen, nachdem dieser von den Engländern gefangen genommen wurde. Die Rückseite zeigt Johann II. auf seinem Pferd und folgende Inschrift: IOHANNES DEI GRATIA •FRANCORV REX, d. h. „Johann von Gottes Gnaden, König der Franken“.

Auf der Vorderseite befindet sich in einem palmetten- und kleeblattgeschmückte Vierpass ein Kreuz mit einem weiteren Vierpass im Zentrum und folgende Inschrift: XPC VINCIT • XPC REGNAT • XPC IMPERAT, d. h. „Christus siegt, Christus regiert, Christus befiehlt“.

Auf der Rückseite haben wir also das Symbol der Staatsgewalt, die das Geld prägt (bzw. Porträts oder Monumente bei Gedenkmünzen).

Und auf der Vorderseite finden wir das Hauptmotiv und den Nennwert. Kopf = Rückseite / Zahl = Vorderseite

Wie kaufen Sie neue Münzen für Ihre Sammlung?

Ich besuche meistens Sammlerbörsen oder Sammler- und Numismatikmessen. Aber auch mein Bekanntennetzwerk bietet recht gute Möglichkeiten. Mitunter misstraue ich dem Internet, denn nichts ähnelt einer Münze mehr als eine andere Münze. In diesem Fall zählen Beschreibung und Fotos, um sich ein Bild von der Qualität einer Münze zu machen und das zu kaufen, was man wirklich sucht.

Wenn Sie im Internet kaufen, sollten Sie Sammlerseiten wie Delcampe und gewerbliche Verkäufer vorziehen, um sich vor bösen Überraschungen zu schützen. Ich persönlich nehme eine Münze lieber in die Hand, um herauszufinden, ob sie mir Freude bereitet oder nicht. Es ist mir schon oft passiert, dass ich eine erstklassige Münze in der Hand hatte und nichts empfand. Dann ist es besser, nicht zu kaufen und nach einer anderen Münze Ausschau zu halten.

Was lässt sich einfacher sammeln, Banknoten oder Münzen? Warum?

Das sind zwei gänzliche verschiedene Arten zu sammeln. Eine Banknote ist sehr viel empfindlicher, denn selbst kleinste Knicke oder Zählmarkierungen können deren Wert verringern. Es ist also größte Sorgfalt geboten. In einer Sammlung ist alles möglich, denn alles ist erhältlich!

Wenn Sie zum Beispiel französische Banknoten sammeln, sind lle auffindbar. Natürlich haben seltene Banknoten ihren Preis, aber generell sind sie zu kriegen.

Im Juni 2018 hatte ich das Glück, einen Ordner mit französischen Banknoten kaufen zu können. Dieser enthielt nur sehr wenige Banknoten und diese zudem von mittelmäßiger Qualität. Aber darunter befand sich auch eine 100-Francs-Note von 1848 in Schwarz und handunterzeichnet.

Diese Banknote war nicht schön, denn es fehlte eine Ecke und sie war mit Klebeband befestigt, aber sie war eine von nur vier Exemplaren, die in Frankreich bekannt sind.

Was bringt ein Numismatik-Club seinen Mitgliedern?

Ein Numismatik-Club ist da, um Ihre Fragen zu beantworten und Ihre Erwartungen zu erfüllen. Bei den monatlich stattfindenden Treffen können Sie sich über Ihre Lieblingsthemen austauschen. Ein Numismatik-Club bietet Ihnen die Möglichkeit, nach dem Austausch mit anderen Mitgliedern Ihre Sammlung zu erweitern.

Ich denke, damit ein Club funktioniert, muss er seinen Mitgliedern, ungeachtet ihres Alters, Lösungen und Hilfestellungen bieten können. Jedes neue Mitglied sollte einem Paten innerhalb des Vereins zugewiesen werden, damit diese Personen Ideen und Ansichten zur Numismatik austauschen können. Jedes Mitglied muss sein Wissen teilen.

Im Zuge der Erfassung aller französischen Numismatik-Vereine, an der ich aktuell arbeite, wurde ich von vielen Clubvorsitzenden gefragt, wie sie ihren Numismatik-Club für junge Leute und Frauen attraktiv machen können.

Deshalbhabe ich in mehreren sozialen Netzwerken zu einer 48-stündigen Diskussion aufgerufen, und die Ergebnisse sind recht interessant. Derzeit arbeiten wir noch am Abschluss der Analysen.

Lässt sich eine Sammlung leicht vervollständigen?

Das ist eine weitreichende Frage! Das kommt darauf an, wie Sie den Rahmen stecken. Lassen Sie es mich folgendermaßen erklären: Wenn Sie französische Münzen der 5. Republik sammeln, haben Sie Ihr Ziel erreicht, sobald Sie jede Münze ein Mal besitzen. Ihr Ziel könnte aber auch sein, die Qualität Ihrer Sammlung zu erhöhen, Dann suchen Sie ständig weiter nach Münzen der 5. Republik, die Sie bereits haben, aber in erstklassigen Qualitäten.

Im Gegensatz dazu habe ich einen Freund, der nur „1-Cent-Münzen mit Napoleon III., barhäuptig“ sammelt. Er sucht alle Jahrgänge und alle Ateliers, und natürlich nach erstklassiger Qualität. Würde er an dieser Stelle aufhören, wäre das nicht schlimm, aber er recherchiert außerdem sämtliche Veröfentlichungen und Prüfungen dieser Münzen. Deshalb wird er niemals alle Exemplare besitzen, denn von bestimmten Münzen sind bislang nur ein oder zwei Exemplare bekannt. Sehr stolz war ich, als er die 1-Cent-Goldmünze mit Napoleon III., barhäuptig, kaufte, von der bislang nur 3 Exemplare bekannt sind. Es ist klar, dass seine Sammlung nicht sonderlich viele Münzen umfasst, aber diese Sammlung ist wirklich außergewöhnlich.

Welche Ratschläge haben Sie für Einsteiger in die Numismatik?

Als allererstes: Seien Sie geduldig und haben Sie Spaß am Kaufen!

Es braucht Zeit, bis Sie eine schöne Sammlung vorzeigen können. Auch sollten Sie sich Bücher über das Thema Ihrer Sammlung zulegen. Je mehr Bücher Sie über Ihr Thema besitzen, desto mehr wissen Sie darüber und desto erfahrener werden Sie.

Versuchen Sie, Ihre Sammlung auf ein Thema zu beschränken, um nicht irgendetwas zu kaufen.

Ziehen Sie Qualität der Quantität vor. Es ist besser, jeden Monat eine Münze für 50 Euro zu kaufen, anstatt 50 Münzen für je 1 Euro. Das werden Sie später erkennen.

Lassen Sie sich von einigen Experten beraten. Melden Sie sich in einem Numismatik-Club an, um Ihre Leidenschaft mit Gleichgesinnten zu teilen. Das Wichtigste bei einer Münzsammlung ist deren Aufbewahrung.

Halten Sie Ihre Münzen stets sauber. Nicht, weil eine Münze glänzen muss, sondern weil sie dann mehr Geld wert ist!

Versuchen Sie, eine Sammlung in einheitlicher Qualität aufzubauen.

Stürzen Sie sich nicht auf sogenannte Schnäppchen. Zögern Sie nicht, sich bei Fragen an andere Sammler zu wenden!

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Ein Kommentar

  1. Sammlermessen sind tatsächlich ein beliebter Ort für Personen, die ihre Briefmarken- oder Münzsammlung stetig erweitern wollen. Je nach Material können Münzen einen ziemlich hohen Wert haben. Wer aus seiner Münzkollektion Profit schlagen möchte, hat die Möglichkeit, seine Sammlung oder ein Teil von dieser zu verkaufen.